Suche

Die Rückkehr des Dorfkinds



Ich bin auf dem Land großgeworden. Unter Dorfmenschen könnte mensch jetzt streiten, wie dörflich es wirklich war — es war zumindest kein 100-Seelen-Ort mit eineinhalb Straßen, aber eben auch nur ein Dorf mit einer Schule, Apotheke und Fahrschule, wo der Aldi-Neubau das Highlight des ganzen Jahres war, jede:r jede:n kannte und mensch froh sein konnte, wenn der Bus einmal die Stunde fuhr.


Vielleicht kannst du es dir vorstellen, vielleicht aber auch nicht: spätestens als Jugendliche habe ich dieses langsame, kleine Dorfleben gehasst. Mich abgeschnitten von der großen, weiten Welt gefühlt, geglaubt, dass das Leben an mir vorbeizieht, ich keine Wahl und keinen Einfluss habe und niemals, niemals selbst auf dem Land versauern möchte. Hättest du meinem 15-Jährigen-Ich erzählt, dass ich knapp 10 Jahre später freiwillig in ein 300-Seelendorf ziehen würde — ich hätte gelacht.


Vielleicht hätte ich dir sogar ein paar unschöne Worte an den lieben Kopf geknallt. Ich hätte jedenfalls niemals geglaubt, dass ich freiwillig zurück aufs Land ziehen wollen würde.

Sehr lange galt für mich nur eines: Hauptsache weg. Raus, in die Welt, endlich sehen und erleben, was überall so passiert. Untertauchen, anonym werden, und gleichzeitig möglichst viele verrückte Menschen kennen lernen, Cliquen fern von Coolness und Einkommen haben, Abenteuer erleben, die größer als ein Ausritt mit dem Pferd zu Burger King sind.


Und genau so geschah es. Das Studium, ein Auslandssemester in Hong Kong, zahlreiche Reisen durch Südostasien, Freiwilligendienste in Nepal und Uganda, eine Yoga-Ausbildung in Indien, Wohnungen in Hamburg, Berlin und nochmal Hamburg. Hauptsache groß, laut und lebendig, so die Devise. Für eine kleine, aufregende Weile ging das gut. Dann wurde es zu viel. Schritt für Schritt, Tag für Tag, schleichend, und doch so stark. Hupende Autos, drängelnde Menschen in der U-Bahn, viel zu lange Schlangen beim Einkaufen, Menschenmassen beim Picknick im Park, Baden in der Elbe oder im Club. Überall war es so, so voll. Menschen, Müll, Gebäude. So viele Einflüsse. So viele Meinungen. So viel Beton, und so wenig Natur. Ich war immer schneller gereizt und erschöpft, wenn ich unsere kleine 2-Zimmer-Wohnung verließ. In meiner letzten Festanstellung rebellierte mein Magen schon in der U-Bahn. Manchmal war mir so schlecht, dass ich ein paar Stationen früher ausstieg und den Rest zur Arbeit gelaufen bin, um noch etwas frische Luft zu tanken. Einmal hab ich dabei einen Autounfall erlebt, das andere Mal rempelte mich ein wild klingelnder Fahrradfahrer an, manchmal war da ein Krankenwagen, der die Luft und meine Ohren mit stechenden Sirenen durchbohrte.

Ich schlief schlecht, war launisch, und hatte immer weniger Spaß an all den schillernden Dingen, nach denen ich mich einst sehnte. Wusste, dass ich eine Änderung brauchte. Nur noch nicht, wie diese aussehen sollte oder konnte. Bis eines Tages ein paar wunderbare Dinge zusammenfielen. Eine großartige, neue Freundschaft, die einen Schwung neuer Kontakte mit sich brachte und eine aufregende Einladung, auf einen baufälligen Bauernhof mitten im Nirgendwo zu ziehen, um ein naturbewussteres, ruhigeres Leben zu führen. Und auch, wenn mein logisch denkender Kopf viele Sorgen und Ängste zum Projekt entwickelte und mir in wildesten Farben und Formen um das unsichere Gemüt schleuderte, war mein Bauchgefühl bereit, und das war alles, was ich brauchte.


Zahlreiche Renovierungsstunden, nervige Pendelfahrten an fast jedem Sommer-Wochenende und einige Monate später bin ich nun hier. Mitten in der Pampa. Auf einem Bauernhof, auf und um den es aktuell nur meterweise Matsch, Flöhe und gelegentlichen Treckerlärm gibt. Liebe es, abends auf dem Sofa zu liegen und in Momenten, wenn der Film kurz leise ist, draußen die Kühe blöken zu hören, meine Arbeitszeiten mit einer Runde Holzhacken aufzulockern oder Business-Calls beim Spaziergang durchs Naturschutzgebiet zu erledigen. Es ist so ruhig und friedlich, dass ich die ganze Welt umarmen möchte. Und Tag für Tag, Minute für Minute, mehr bei mir selbst ankomme. Was übrigens nicht bedeutet, dass mein Leben hier langweilig oder öde ist. Ganz und gar nicht. Aber davon erzähle ich euch ein anderes Mal mehr.